Das reisende Tamanium

 

Angriff der Haluter

 

Leseprobe

 

Ein weiteres Schiff wurde geortet. Von einem offenbar erhalten gebliebenen Hangar war ein schwarzes Walzenschiff gestartet und sofort mit höchsten Werten in Richtung des nächstliegenden Sternes geflohen. Es ging dabei das Risiko ein, von Eruptionen der pulsierenden Sonnen erfasst zu werden. Tosik-Naj hatte dieses Risiko eiskalt einkalkuliert. Seine Rechnung ging auf. Die Skoars hatten mit einem derartigen Manöver nicht gerechnet. Der Inspekteur der Pell entkam und nahm die Kopien der letzten Erkenntnisse über Paratron-Forschung mit sich mit. Sein Ziel war das letzte und beste Versteck seines Volkes. 

Der Linearflug zum Treffpunkt, jenseits des blauen Riesen, dauerte etwas über vierzehn Minuten. Das Wiedereintauchen in den Normalraum erfolgte bereits in den Ausläufern der Sonnenkorona, sechs Minuten vor der berechneten Explosion der verschmelzenden Sonnen. Die lemurischen Schiffe hatten gerade noch Zeit den blauen Riesen zu umfliegen und dabei auf Kreisbahngeschwindigkeit abzubremsen. Einen besseren Schutz vor der Super-Nova, speziell vor den hyperenergetischen Schockwellen die dabei frei werden mochten, würden sie in den verbleibenden drei oder vier Minuten nicht finden.

Weniger als eine Minute vor der berechneten Katastrophe fielen die ersten Walzenraumer der Skoars in der Nähe des blauen Riesen aus dem Linear-Raum. Im Gegensatz zum vorbildlichen Manöver der lemurischen Flotte, gab es keine erkennbare Ordnung. So rematerialisierten manche der Schiffe weit verstreut. Zu weit, um in der kurzen Zeit noch einen halbwegs sicheren Ort ansteuern zu können.


Und der Untergang nahm seinen Anfang! Die zwei Sonnen verschmolzen. Die Gravitation zerrte die Plasma-Massen ins Zentrum und die Dichte wuchs über alle Grenzen. Dann schlug das Pendel in die Gegenrichtung aus! Die vereinte Kernmasse prallte zurück, brachte die Gase der äußeren Schalen zu greller Weißglut und riss sie mit. Bei diesem künstlich induzierten Vorgang blieb kein Rest zurück, kein Neutronenstern, kein schwarzes Loch. Die gesamte Energie eines Sternenlebens wurde in Bruchteilen von Millisekunden frei und expandierte mit Lichtgeschwindigkeit.

Zwölf Minuten später zerriss die Front aus Plasma und Gammastrahlung den Wohnplaneten der Bestien. Er glühte kurz auf und zerbarst. Die Bruchstücke verdampften restlos. Genauso erging es der Industrie-Welt und den Asteroiden. Der riesige Gasplanet verlor den Großteil seiner Masse. Was zurückblieb, der innerste Kern aus Eis und Gestein, brach aus seiner Bahn aus. Auch der äußerste Planet, jener einsame Eisplanet, würde unter dem Ansturm aus Hitze vergehen. Seine große Entfernung zu den ehemaligen Sonnen gab ihm nur Stunden bis zum endgültigen Ende.

Sollte es in einem Umkreis von dreißig  oder vierzig Lichtjahren belebte Planeten geben, war ihr Untergang schon besiegelt. Der Gammablitz, jenes letzte Licht der Doppelsonne, würde ihre Atmosphären hinwegfegen und alles Leben verbrennen.

Den Untergang des Systems konnten die Schiffs-Besatzungen nicht beobachten. Verbunden mit der Explosion kam es zu Ausbrüchen auf Hyper-Ebene. Trotz eingeschalteter Schutzschirme brannten Hyper-Taster durch, kam es teilweise zu schrecklichen Kurzschlüssen und willkürlich wechselnden Feldstärken der künstlichen Gravitation. Die Unfälle hielten sich in Grenzen, da sich die Menschen darauf vorbereitet hatten. Zu Beobachtungen war in diesem Chaos niemand in der Lage.

Für die weitab vom blauen Riesen materialisierten Walzenraumer war die Lage viel schlimmer. Ohne den „Wind-Schatten“ des Sterns schlugen die Hyper-Fronten mit ungebrochener Wucht ein. Als die ersten Schutzschirme ausfielen, waren die betroffenen Schiffe verloren. Einige wurden von den unberechenbaren Kräften geradezu zerquetscht, bei anderen entzündeten sich die Kernbrennstoffe und zerrissen die Schiffe.

Einige der Schiffe, die sich während der Ausbrüche noch im Linearraum befanden, tauchten nie wieder auf. Spätere Untersuchungen legten nahe, dass der metastabile Zustand des Linearflugs durch die Hyper-Schocks zur totalen, ungesteuerten Entmaterialisierung umschlug. Die Schiffe verwehten im Hyperraum.

Stunden später beruhigte sich die Lage um den blauen Riesenstern etwas. Die Flotte der Skoars sammelte sich. Von den fünfzehntausend Schiffen waren über fünfhundert total zerstört worden. Die restlichen waren zum Teil schwer beschädigt. Insgesamt hatten die Naturgewalten mehr als zehnmal so viele Verluste gefordert wie der Kampf gegen die Bestien.

Die Skoars hatten gedacht, sie könnten die Gewalten der Natur beherrschen.

Sie hatten sich geirrt.